In Gedenken an Valéry Giscard d‘Estaing (02.12.20) [fr]

Rede des französischen Staatspräsidenten in Gedenken an Valéry Giscard d‘Estaing
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3. Dezember 2020 – Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Französinnen und Franzosen,
meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Staatspräsident Valéry Giscard d‘Estaing hat gestern das Land verlassen, das er genauso liebte wie die Menschen, denen er diente. Er geht in einer bewegten Zeit und auch er wurde Opfer dieses Übels, das wir bekämpfen und das die Welt erschüttert.

Er war eine zentrale Figur in der Geschichte unserer Republik: Mit Mitte Dreißig wurde er zuerst von General de Gaulle und anschließend von Georges Pompidou zum Minister ernannt, bevor er im Alter von 48 Jahren das Amt des französischen Staatspräsidenten übernahm. Er trieb einen Modernisierungsprozess in beispielloser Geschwindigkeit voran und setzte sich dafür ein, Europa ein Ziel und die notwendige Entschlossenheit zu vermitteln, an denen es ihm oft mangelte.

Ich gehöre zu einer Generation, die unter seiner Präsidentschaft geboren wurde, und der wahrscheinlich nicht immer bewusst war, in welchem Maße Valéry Giscard d‘Estaing Frankreich für sie verändert hat.

Dennoch.

Die Verteidigung der Frauen und ihre Förderung in Positionen mit hohen Verantwortlichkeiten, die Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen, die Herabsetzung des Volljährigkeitsalters auf 18 Jahre, den freiwilligen Schwangerschaftsabbruch, die Integration von Menschen mit Behinderung. Auch die Modernisierung und Öffnung unserer Gesellschaft und unsere gewachsene Freiheit haben wir seinem Mut und seinem Eifer zu verdanken.

Die Einführung der Direktwahl des Europäischen Parlaments, die Einrichtung des Europäischen Rates, die Prämisse einer gemeinsamen Währung, das deutsch-französische Paar, das er mit Bundeskanzler Helmut Schmidt bildete: Dass unser Kontinent heute geeinter und stärker ist, verdanken wir auch seiner Leidenschaft für Europa.

Die Gründung der G7, der Gruppe der großen Industriestaaten: Sein visionärer Verstand hat ebenfalls dazu beigetragen, dass die Welt heute in der Lage ist, den jeweiligen aktuellen Herausforderungen zu begegnen.

Durch die von ihm angeregten Veränderungen, die eingeleiteten Reformen, seine Arbeit und seine Gedanken ist Valéry Giscard d‘Estaing heute Teil unseres Lebens und zwar stärker, als es uns vielleicht bewusst ist.
Er hat vor 40 Jahren die Geschicke Frankreichs gelenkt. Und was er vollbracht hat, begleitet uns noch heute.

Er hat unser Land, das erst die Nachkriegszeit, dann das Wirtschaftswunder und schließlich große Herausforderungen und den harten globalen Wettbewerb erlebte, tiefgreifenden Veränderungen unterworfen.
Er modernisierte Frankreich in sozialer und institutioneller Hinsicht und integrierte es in ein Europa im Aufschwung. Dies geschah in einer Zeit wachsender Globalisierung, die bereits ihre ersten Ungleichgewichte erlebte. Er schaute auf unser Land mit Scharfblick und den Augen einer neuen Generation, die den Fortschritt wollte, ohne jedoch seine Freiheit zu opfern.
Ohne dass es uns immer bewusst ist, treten wir in seine Fußstapfen. Seine siebenjährige Amtszeit hat unser Land und unser aller Leben geprägt.

Auch in den Jahren nach 1981 war Valéry Giscard d‘Estaing eng mit den Franzosen verbunden.
Er stellte sich unermüdlich weiterhin in ihren Dienst.
Als tief verwurzelter Kommunalpolitiker. Die Auvergner wissen, was sie demjenigen schulden, der sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, diesen vulkanischen Boden, dem er so verbunden war, neu zu gestalten, ihn nutzbar zu machen und erstrahlen zu lassen.
Als überzeugter Europäer, der u.a. den Vorsitz des Konvents über die Zukunft Europas innehatte und seine Überlegungen und Vorschläge einbrachte.
Und schließlich als engagierter Bürger. Durch seine Arbeit und seine Ideen beeinflusste er zahlreiche französische und europäische Verantwortungsträger der neuen Generationen, die ihm so viel zu verdanken haben.

Im Laufe der Zeit kam immer mehr der Mensch hinter dem Präsidenten zum Vorschein.
Der Autor und Essayist, der in die Académie française gewählt wurde.
Der Liebhaber unserer Sprache und Literatur.
Der gefühlvolle Mensch, der nostalgisch „le vert paradis des amours enfantines“ von Baudelaire rezitierte. Als Staatspräsident hatte Giscard d‘Estaing unsere Stimmen gewonnen und schließlich unsere Bewunderung und unsere Herzen.

Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Aus Bescheidenheit wollte er nicht damit hausieren gehen, dass er schon im Alter von 18 Jahren freiwillig in der 1. Armee unter General De Lattre diente, und aus der gleichen Bescheidenheit wollte Valéry Giscard d’Estaing auch kein Staatsbegräbnis, weshalb seine Beerdigung im familiären Kreise stattfindet.

In Absprache mit seiner Frau, seinen Kindern und Enkeln, denen ich heute Abend unsere Freundschaft und unseren Respekt versichern möchte, werde ich kommenden Mittwoch, den 9. Dezember, zum Staatstrauertag erklären.

Die Franzosen, die dies wünschen, können dann einige letzte Worte in die Kondolenzbücher schreiben, die in unseren Rathäusern und in Paris, im Musée d’Orsay, dieser bedeutenden Kulturstätte, die wir ihm schuldig sind, ausliegen werden.

Am 2. Februar, dem Tag seiner Geburt, wird im Europäischen Parlament in Straßburg eine Gedenkfeier zu seinen Ehren stattfinden.

Maupassant schrieb einmal „Ein Leben, ein paar Tage und dann nichts mehr“.
Nur einmal straft Valéry Giscard d‘Estaing seinen Lieblingsschriftsteller Lügen.
Denn sein Vermächtnis der Moderne wird bleiben.

Unsere Republik ist zugleich der Überbringer.
Mit dem Tod von Staatspräsident Giscard d‘Estaing wird ein Kapitel der Geschichte unseres Landes abgeschlossen. Aber seien Sie versichert, dass ich gemeinsam mit Ihnen alles dafür tun werde, um diese Flamme des Fortschritts und des Optimismus am Leben zu erhalten, die er nie verlöschen lies.

Es lebe die Republik.
Es lebe Frankreich.

Dernière modification : 28/01/2021

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